Rumänien


Rumänien – Reise in ein Land vor unserer Zeit!

Warum nach Rumänien?

Ganz ehrlich ! Rumänien stand nicht ganz oben auf der Liste meiner Wunschreiseziele. Aber wie heißt es schon in Saint-Exupérys „Kleinem Prinz“: „Die schönste Freude erlebt man immer dort, wo man sie am wenigsten erwartet“.

Genauso war es ! Ich hatte keine richtige Vorstellung was mich erwartet und mein Wissen war von Vorurteilen geprägt, die ich sehr schnell revidieren musste. Es ist schon merkwürdig wie schnell sich ein Weltbild verfestigt und zum Prägestempel für ein ganzes Volk wird. Was wusste ich über Rumänien ? Zum einen, dass die Zahl der Arbeitsmigranten die im Westen der EU Lohn und Brot suchen hoch ist, das NOKIA vor vielen Jahren eine Fabrik in Bochum geschlossen hat um im „Billiglohnland“ Rumänien zu produzieren, das Banden von Klau-Kindern in Deutschland ihr Unwesen treiben, weil die Anstifter wissen, dass man sie aufgrund ihrer Minderjährigkeit in Deutschland nicht belangen wird – auf den Punkt gebracht: alle Rumänen sind faul und kriminell! Das ist Unsinn und genauso falsch wie die Behauptung alle Deutschen seien Neo-Nazis. Werfen wir also unsere vorschnellen, unbegründeten Urteile über Bord und reisen durch ein Land, das uns in jeder Hinsicht überraschen wird.

…das alles und noch viel mehr

würd‘ ich machen, wenn ich König von Deutschland wär‘ ! Die Zeile stammt aus einem Lied des unvergessenen Rio Reisser. Nachdem wir bei Eis und Schnee die Karpaten überquert hatten trafen wir am Abend im „heimeligen“ Sibiu ein. Der alte Name von Sibiu ist Hermannstadt. Einer Empfehlung folgend kehren wir im Wirtshaus Hermania ein, dem Vereinslokal des ehemaligen Hermannstädter Männergesangvereins. Aus den Lautsprechern dudelte Siebenbürger Volksmusik und schnell entspann sich die Diskussion ob es nach 800 Jahren dieser „Deutsch-Tümelei“ noch bedarf.

Bereits im 12. Jahrhundert lockte der ungarische König die ersten Siebenbürger Sachsen ins unerschlossene Land im Karpatenbogen. Hier stoßen wir bereits auf das erste Missverständnis, denn die ersten Siedler stammten aus Luxemburg, der Pfalz, Flandern und dem Elsass. Da die damalige „Balkanroute“ durch Mitteldeutschland führte, hielt man fälschlicherweise Sachsen für den Ausgangsort der Auswanderungswelle. Mehr als 250 Städte und Dörfer gehen auf Gründung durch die Aussiedler zurück: Klausenburg (Cluj-Napoca), Schäßburg (Sighișoara), Kronstadt (Brașov) und Hermannstadt (Sibiu) zählen zu den großen Städten Rumäniens. Die deutschen Namen kleiner Ansiedlungen haben sich bis auf den heutigen Tag erhalten: Deutsch-Weißkirch, Mesendorf, Bistritz oder Deutsch-Kreuz. Man muß nicht der irrigen Meinung Emanuel Geibels anhängen dass: „am deutschen Wesen die Welt genesen“ müsse. Seine Wurzeln zu kennen, halte ich jedoch in einer Zeit in der uns feste Orientierungspunkte verloren zu gehen scheinen, für wichtig.

Die Landflucht hat den ländlichen Gebieten Siebenbürgens viel Substanz genommen. Viele Alteingesessene sind abgewandert und zurück geblieben sind die Alten. In Deutsch-Weißkirch fotografiere ich auf der Dorfstraße eine kleine Kinderschar. Da ich keine Belohnung dabei habe, gehe ich den kleinen Dorfladen um ein paar Süßigkeiten zu kaufen. Ich versuche es auf englisch und die Dame hinter der Ladentheke antwortet mir in einem Dialekt der lëtzebuergesch klingt und den ich da ich häufig in Luxemburg bin auch verstehe.

Doch zurück zu unserem Abend in der Hermania in Sibiu. Das deftige Essen und süffige Ciuc-Bräu sind lecker und die dudelnde Volksmusik verstummt plötzlich.
Auf der Empore erhebt sich ein Männergesangverein, der Hermannstadt im Rahmen eines deutsch-rumänischen Kulturaustausches besucht und stimmt ein Dankgebet an: …“Auch für Trank, Gott, sei Dank mit Gesang voller Klang“… Ich lausche ergriffen und denke – manchmal darf es auch ein bißchen deutsch sein.

…am anderen Tag konnt‘ ich’s nicht erwarten

…die fremden Zigeuner zu seh’n. So hat das einst die große Alexandra mit melancholischer Stimme gesungen. Aber sie fand die Zigeuner nicht mehr. Ich weiß das es heute nicht mehr zur political correctness gehört, von Zigeunern zu sprechen. Ich bin da altmodisch denn bei einem kurzen Halt, treffe ich an einer belebten Hauptstraße Gabi 1 und Gabi 2; – so haben die beiden älteren Herren sich zumindest vorgestellt. Tatsächlich ist Gabor aber auch nicht Ihr Vorname, sondern sie gehören zur Gruppe der ungarisch-stämmigen Gabor-Zigeuner. Nach einer „Runde Glimmstengel“ kommen wir trotz Sprachbarriere ein wenig ins Gespräch. Die Herren sind in der Welt herumgekommen. Nicht umsonst sprach meine Großmutter noch vom „fahrenden Volk“. Das sie Roma seien, weisen sie brüsk von sich. Mit denen wolle man nichts zu tun haben. Cigány nennen sie sich selbst. …und Deutschland, ja, ja das kennen sie – Stuttgart, Monaco und Frankfurt.
Ich habe vor einigen Jahren das preisgekrönte Buch „Roma-Reisen“ des Fotografen Joakim Eskildsen in mein Bücherregal gestellt. Die Fotografien fand ich anrührend, mit dem Problem, wenn es denn nun tatsächlich eines sein sollte, habe ich mich nie wirklich beschäftigt. Die Älteren von uns werden sich zurückerinnern das unsere Mütter und Großmütter davon sprachen das Zigeuner im Ort seien, man die Wäsche von der Leine nehmen und abends die Türen abschließen müsse. Zugegeben, – Zigeuner haben einen schlechten Ruf. Aber ganz ehrlich, wer von uns kann beurteilen ob zu Recht oder zu Unrecht. Überall stoßen sie auf Ablehnung und lassen sich schwer in die Gesellschaft integrieren, das ist auch in Rumänien so.
Unweit von Sighisoara will ich ein Zigeunerdorf besuchen. Mein Freund Daniel hat dort einen Kontakt und wir wollen schauen, ob man uns das Fotografieren dort gestattet. Ich finde das vollkommen in Ordnung. Schließlich ist das keine Völkerschau und ich möchte auch um Erlaubnis gefragt werden bevor mich jemand fotografiert. Man muss behutsam vorgehen. Man ist Gast und hat sich so zu verhalten. Wir verbringen einige Stunden in dem kleinen Dorf. Die Hauptstraße ist von hübschen, großen Häusern gesäumt in der meist eine ganze Familie und das können schnell auch einmal 20 – 30 Personen sein, wohnt. Die Dächer und Fassaden sind vielfach mit opulenten Schmiedearbeiten verziert. Zu jedem Haus oder Gehöft gehören mehrere Hinterhöfe – und über deren Zustand schweigt man lieber aus Höflichkeit. Schnell kommt die Flasche mit dem Selbstgebrannten auf den Tisch. Mehr als 50 Umdrehungen hat der Obstschnaps und da macht es auch nichts, das für die Gäste nur ein einziges Glas zur Verfügung steht.
Als wir uns verabschieden, bin ich ziemlich angeschickert und hoffe das dies nicht zu Lasten der Fotos geht; – und oh Wunder: unser Auto steht immer noch da, wurde nicht ausgeraubt und innerlich gut desinfiziert besteht sehe ich auch keinen Grund die Packung mit den Feuchttüchern aufzureißen „um den Kontakt mit den Fremden abzuwaschen“. Die Lebensart der Zigeuner muss mir nicht gefallen und ich muss sie nicht teilen, aber ich muss Ihnen mit Respekt entgegentreten. Toleranz ist nicht nur etwas für Sonntage.

Sinti, Roma, Jenische oder Zigeuner, egal wie man sie nennt, wurden zu allen Zeiten verfolgt und diskriminiert – weil sie sich nicht an unsere Lebensform anpassen wollten. Vielleicht muss man sich an ein Wort zurückbesinnen und ein wenig abwandeln, dass der große Philosoph Voltaire bereits im 17. Jahrhundert geprägt hat:

„Ich mag verdammen was du sagst (wie du lebst), aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, das du es sagen darfst (das du so leben darfst)“.


Pálinka, Pálinka, Pálinka – moya

Sie merken es schon. Musik ist Trumpf. Auch wenn sich der gute Ivan Rebroff wahrscheinlich wegen der Verballhornung des Titels im Grabe umdrehen würde. Aber Pálinka das klingt schon so musikalisch, ist aber Musik in Gläsern genossen.
Liquid Music sozusagen. Während sich Brennereien und Destillen in unseren Landen mühen, ihre Produkte über die 43% Marke zu heben, ist das in Rumänien eher die Regel. Pálinka ist ein doppelgebrannter Schnaps, meist aus Pflaumen, aber auch Äpfel, Birnen, Mirabellen und die edle Quitte werden für die Schnapsbrennerei genommen.

Pálinka ist wie die Franzosen es ausdrücken Eau de Vie. In den Maramureș das ist der Teil Transsylvaniens der an die Ukraine grenzt, ist Pálinka Medizin, wie unsere Wirtin in der Pension in Breb nicht müde wird zu betonen. Folgerichtig steht der Pálinka auch bereits auf dem Frühstückstisch und bei einem Frühstück aus gebratener geräucherter Wurst, Rührei, und Schafkäse ist ein kleiner „Verteiler“ auch zur frühen Morgenstunde willkommen. Er räumt den Magen auf und vertreibt die Sorgen. Pálinka das ist mehr als ein Schnaps – das ist Lebensart. Ob beim Brotbacken irgendwo in den Bergen oder als „Zwischenverpflegung“ der Pferdekutscher über den Gartenzaun verabreicht, Pálinka muss sein!


Ceaușescu’s Erbe(n)

Die Jüngeren werden fragen wer ist Ceaușescu, wobei die Frage korrekter lauten muß, wer war Ceaușescu ? Ceaușescu war einer jener kommunistischen Autokraten, der zusammen mit seinem Geheimdienst Securității das Land fast 30 Jahre lang im Würgegriff hielt, Paläste baute, Staatsjagden abhielt, Ehrendoktortitel sammelte und das Volk darben ließ. Er entstammte einer kinderreichen Familie und war gelernter Schumacher. Er gewann schnell an Popularität da Rumänien nach seinem Amtsantritt in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, eine Zeit relativen Wohlstandes erlebte und Ceaușescu sich als Abweichler zur harten Ostblockpolitik gerierte. Er hätte sich besser an alten „deutschen Sprichworten“ orientiert, die in Siebenbürgen und im Banat sicher geläufig waren:

Schuster bleib bei deinem Leisten! Das dicke Ende kommt zum Schluß!

Ceaușescu wollte die Zahl der Einwohner Rumäniens von gut 19 Millionen im Jahr 1966 bis zum Jahre 2000 auf 30 Millionen steigern. Das Ziel der Politik war eine Fünf-Kind-Familie. Verhütungsmittel und Aufklärung waren bei Strafe verboten. Frauen, die abtrieben, wurde mit einer Gefängnisstrafe bis zu 25 Jahren gedroht. Trieben sie ab, durften sie im Falle von Infektionen nicht ärztlich behandelt werden. Während Ceaușescus Amtszeit starben so rund 10.000 Frauen.

Als Michail Gorbatschow im Jahr 1985, in der Sowjetunion Perestroika und Glasnost propagierte, reagierte Ceaușescu mit Ablehnung.

Die rigorose Industrialisierung führte zum Niedergang der Wirtschaft und vor allem der Landwirtschaft. Die Arbeiter erhielten keine Löhne mehr, elektrischer Strom musste rationiert werden und die Lebensmittelversorgung brach zusammen. 1989 waren viele rumänische Unternehmen wirtschaftlich am Ende. In der verarmten Bevölkerung machte sich zunehmend Unmut breit.
Kurz vor Weihnachten 1989 kam das „dicke Ende“. Ceaușescu und seine ebenfalls vom Volk gehasste Ehefrau Elena wurden verhaftet, am 1. Weihnachtstag von einem eilig zusammengestellten Militärgericht wegen Völkermords und Schädigung der Volkswirtschaft angeklagt und in einem Schnellverfahren zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde sofort vollstreckt.

Wie heißt es Wilhelm Busch: Aber wehe, wehe, wehe! Wenn ich, auf das Ende sehe!

2004 trat Rumänien der NATO bei und wurde am 1.1.2007 Mitglied der EU. Doch der Weg bleibt steinig. Im Demokratieindex 2016 belegte Rumänien Platz 61 von 167 Ländern, womit das Land als eine „defekte Demokratie“ gilt. Korruption ist an der Tagesordnung. Im Korruptionsindex von Transparency International rangiert Rumänien auf Platz 59. Nur Bulgarien und Ungarn werden von den EU-Staaten noch schlechter bewertet.

Doch es gibt Hoffnung. Weite Teile der Bevölkerung erkennen Korruption und Amtsmissbrauch als gravierendes Problem. Auch wenn die Kultur der Korruption noch tief in der moralischen Einstellung eines bedeutenden Teils der Bevölkerung verwurzelt ist, glauben viele Rumänen, dass Korruption zu den schwerwiegendsten Problemen im Land gehöre.
Im August 2018 platzte dem Volk der Kragen. Zehntausende gingen auf die Straße und protestierten gegen Filz und Armut. Hunderttausende Rumänen haben eine Petition für eine Gesetzesänderung unterzeichnet, laut der wegen Korruption verurteilten Bürgern verboten werden soll, politische Ämter zu übernehmen.

Der Chef der Sozialdemokraten, Liviu Dragnea, wurde zu einer dreieinhalbjährigen Gefängnisstrafe wegen Machtmissbrauchs im Amt verurteilt.

Im Herbst 2019 nominierte das EU-Parlament und die Mitgliedsstaaten die Rumänin Laura Codruța Kövesi als erste Generalstaatsanwältin der Europäischen Staatsanwaltschaft.

Wie schreibt schon der von mir hochverehrte Immanuel Kant, der nie aus seiner Königsberger Studierstube herausgekommen ist:

Drei Dinge helfen, die Mühseligkeiten des Lebens zu tragen: Die Hoffnung, der Schlaf und das Lachen.

…ein schöner Gedanke zum guten Schluß !