Iran – Norden

Persien – der Norden
Land hinter dem Schleier

…warum wieder in den Iran ? Das ist doch jetzt nach dem 11. September viel zu gefährlich ! Was, wenn Präsident Bush den Irak angreift ? Alle Anzeichen deuten auf Krieg in der Region ! Darf man sich im Iran überhaupt frei bewegen ? Iran gehört doch, neben Nordkorea und dem Irak, „zur Achse des Bösen“.

Es gab viele Fragen und Argumente vor dieser Reise. Doch letztendlich konzentriert sich alles auf einen Punkt. Was hat das mit mir zu tun ? Und was hat das mit den Menschen im Iran zu tun ? Eigentlich sehr wenig ! Bei selbstkritischer Beleuchtung wird unsere Betrachtungsweise immer undifferenzierter. Wir, und damit meine ich die Menschen unseres Kulturkreises, verfügen über viele Quellen, die uns eine objektive Sichtweise ermöglichen könnten, aber wir stellen unsere Werte und Ansichten schon lange nicht mehr vor uns selbst auf den Prüfstand. Bei vielen Menschen im Iran ist das Ergebnis das gleiche, wenn auch aus anderem Grund. Hier hat sich die Weltsicht unter anderem deswegen so verfestigt, weil man sich gefangen in zum Teil selbstverschuldeter Isolation nur an den Leitlinien der religiösen Führer orientiert.

Warum antworte ich eigentlich auf die Frage nach meinem Reiseziel …“ich fahre nach Persien“ ? Doch wohl nur deswegen, weil mit der Zielangabe Iran immer ein negativer Beigeschmack verbunden ist, den man, nachdem man Land und Leute näher kennen gelernt hat, nicht mehr teilen mag. Sicher nimmt man nicht die Mitarbeiter einer Botschaft für mehr als ein Jahr in Geiselhaft, sicher haben wir ein liberaleres Verständnis für die Gleichberechtigung der Frau und ganz sicher sind uns die Gesetze der Sharia suspekt. Aber kann dies Maßstab für unser Urteil über den Iran sein ?

Auf meinen Reisen durch das Land, ist mir immer herzliche Gastfreundschaft und wirkliches Interesse zu Teil geworden. Die iranische Mentalität ist „explosiv“ aber nicht im Mindesten aggressiv oder gewalttätig. Im Gegenteil. Am anschaulichsten wird dies schon deutlich, wenn man nach seiner Ankunft auf dem Teheraner Mehrabad-Flughafen in die Stadt will. Der Verkehr ist höllisch. Hier in Deutschland wären die Autofahrer schon übereinander hergefallen, wenn der Versuch unternommen würde, mit 6 Fahrzeugen gleichzeitig in eine Straße einzubiegen, die eigentlich nur 4 Fahrspuren hat.

Nach diesem kleinen philosophisch-politischen Diskurs, breche ich mit einigen Freunden auf um abseits ausgetretener Pfade durch den iranischen Norden zu reisen. Hier gibt es keine großartigen Moscheen und wenige vorchristliche Monumente, hier stehen die Menschen im Mittelpunkt, und von denen möchte ich erzählen.

Wir verlassen Teheran am frühen Morgen auf der Ausfallstraße nach Osten. Plattenbausiedlungen zur Rechten, Plattenbausiedlungen zur Linken. Es ist Oktober. Der Himmel ist grau und wolkenverhangen. Der leichte Regen entwickelt sich im Laufe des Tages zu einer mittleren Sintflut. Die Straßen im Iran sind zwar im Allgemeinen gut, diesen Sturzbächen halten sie jedoch nicht stand. Hoffentlich wird das Wetter besser…”Inschallah !“

Turkmenistan

Am Abend erreichen wir Gorgan, ein kleiner eher unbedeutender Marktflecken an den Ausläufern des Alborz-Gebirges, am Rande der turkmenischen Steppe.

Ein Tag wie kein anderer…

…denn wer hat schon die Möglichkeit eine turkmenische Hochzeit mitzuerleben. Das ganze Dorf ist auf den Beinen. Mehr als 200 Hochzeitsgäste sind eingeladen. Während bei uns heutzutage schon lange der Tod nicht mehr scheidet, ist die Heirat hier noch immer der Bund für’s Leben. Im Elternhaus der Braut wird gerade die Mitgift auf einen LKW geladen. Dann zieht die ganze Hochzeitsgesellschaft auf den total verschlammten Straßen zu einem Hügel vor dem Dorf um zu tanzen. Der Dolch-Tanz, eher Klamotte als ernsthafte Tradition, ist ein Spaß für Alt und Jung. Nächste Station des Autokorsos ist das Haus des Bräutigams. Hier erwarten die Schwiegereltern vor dem Tor des neuen Heimes die „neue Tochter“ und begrüßen sie mit Salz und Mehl. Auch hier sind alle beim Feiern dabei.

Auf den Dächern der umstehenden, wellblechgedeckten Häusern stehen die “übriggebliebenen” Junggesellen und werfen buchstäblich „Geld zum Fenster hinaus“, aber nur kleine Scheine !…möge dem Brautpaar immer Reichtum beschieden sein…..“Inschallah“

Zur Belustigung der Hochzeitsgesellschaft lädt der Hochzeitslader zum Ringkampf auf dem Dorfplatz ein. In den traditionellen dunkelrot gestreiften, halblangen Mänteln und mit der Pelzmütze auf dem Kopf, die wie ein Kaffeewärmer aussieht, stehen sich die Kämpfer gegenüber. Das Ganze ist eher ein großer Spaß, als ernsthafter Wettkampf.

Am nächsten Morgen ist am Ortsrand Viehmarkt. Die Auswahl an Schafen und Rindviechern ist groß, die Fleischqualität erstklassig. Hier stehen Händler dicht beisammen und alles was sich auf einem Kleinlaster transportieren lässt, wechselt den Besitzer. Bündel von Rial-Scheinen für eine Kuh.

Chalus

ist ein Badeort am Kaspischen Meer. Hier verbringen reiche Iraner ihre Sommerferien. Im weichen Licht der Morgensonne liegt die See ruhig vor uns. Ein Liebespärchen turtelt in einem Strandkorb unter einem Sonnenschirm, züchtig verhüllt, aber doch eher unerwartet.

An den langen Sandstränden beginnen die Fischer früh ihr Tagewerk. Fischerei ist hier noch Handwerk, Knochenarbeit und nicht wie bei uns mechanisierte Industrieproduktion. Gefangen wird hauptsächlich Weißfisch und ab und an, aber immer seltener, auch ein Stör. Dieser schuppenlose Edelfisch ist der Lieferant einer heißbegehrten Ware: Kaviar; schwarzes Gold vom Kaspischen Meer, der beste der Welt. Ganz hinten am Strand sehe ich ein rotes Boot, das leicht in der Dünung schaukelt -…und da sind sie, die Fischer. Der Fang ist karg, kein Stör, nur wenige Weißlinge im Netz. Auch hier sind die Fanggründe überfischt und die Arbeit nährt kaum ihren Mann. Ein alter Fischer erzählt: …“wir fahren nun schon 4x täglich hinaus, damit der Verdienst reicht, um die Familie zu ernähren,“

Rasht…- zwischen Bergen und Meer

gelegen, ist die Hauptstadt der Provinz Gilan. Das milde, feuchte Klima des Kaspischen Meeres macht die Gegend um Rasht zur fruchtbarsten Region des Iran. Von den Ufern des Kaspi schraubt sich die Straße in Serpentinen hinauf ins Gebirge. Hinter jeder Wegbiegung ein neues Highlight, Baumwollpflückerinnen, Frauen bei der Tabakernte und Teepflückerinnen an den steilen Hängen. Die Märkte hier sind wie ein Füllhorn. Frischer Fisch, nahezu jede Art von Gemüse, Oliven, Limetten, Granatäpfel. Ein Fest für alle Sinne.

Masule

gehört sicher zu den meist fotografierten Orten des Iran. Eine Art iranisches „Rotenburg ob der Tauber“. Das in Terrassenbauweise errichtete Dorf ist von Wäldern umgeben und schmiegt sich eng an die felsigen Abhänge des Alborz-Gebirges. Während in den Sommermonaten die Hitze in der Ebene unerträglich wird, ist es hier angenehm kühl. Die Winter jedoch sind hart und bringen oft viel Schnee. Die Impressionen kann man mit einem einzigen Wort umschreiben „bezaubernd“.

Ardebil

erreicht man nach stundenlanger Fahrt entlang des ehemaligen Eisernen Vorhangs. Nur wenige Kilometer von hier liegt die heute durchlässige Grenze nach Aserbaidschan. Durchlässig für alles, was sonst im Iran verboten ist, aber ansonsten ist Ardabil ein eher tristes Nest.

Tabriz – Kandovan – Orumiyeh

…mit mehr als 10 Mio. Angehörigen bilden die Aseris die größte Minderheit im Vielvölkerstaat Iran. Sie leben zumeist im Dreiländereck Iran, Türkei und Aserbaidschan. Beeindruckt ist man im Iran immer wieder, dass die vielen Völker Perser, Aseris, Gilaner, Luren, Araber, Turkmenen, Armenier, Belutschen, Bakhtiaren und sogar Kurden, – auch wenn sie unterschiedliche Sprachen sprechen und einander mitunter gar nicht verstehen, – in einer Frage geeint sind, sie sind vom Selbstverständnis alle Iraner.

Tabriz, die Millionenstadt – Hauptstadt Ost-Aserbaidschans, ist die drittgrößte Stadt des Iran, bekannt im Ausland für Teppiche, die bei uns unter der Herkunftsbezeichnung Täbriz verkauft werden. Im übrigen eine moderne Stadt mit industrieller Prägung und ein idealer Ausgangspunkt für eine Exkursion an die türkische Grenze und in die Berge Kurdistans.

Der kleine Ort Kandovan ist tief in weichen Tuffstein gegraben, ein Indiz für die einstmals vulkanischen Aktivitäten in der Region. In die Tuffsteinkegel haben die Menschen ihre Wohnungen gebaut. Alles etwas windschief. Man passt sich den natürlichen Gegebenheiten an. Auch für Iraner ist Kandovan eine Sehenswürdigkeit. Insbesondere zur Urlaubszeit kommen viele persische Touristen hierher, was die Einheimischen gelinde gesagt nervt. So darf man als Besucher nicht verwundert sein, wenn man hier nicht mit offenen Armen empfangen wird. Wir sind im Herbst hier, außerhalb der Saison. Das herbstliche Gelb der Pappeln rahmt die Kulisse ein wie ein Bild.

…it’s a long way to Orumiye

die Fahrt entlang des Orumiye-Salzsees gehört zu den landschaftlich schönsten Routen des Iran. Immer wieder spiegeln sich karstige Gipfel im kristallklaren Wasser. Auf den Weiden wachen Hirten und Schäfer über ihre Herden, die das letzte Grün abweiden. Zur Zeit blüht die Herbstzeitlose. Viele Kinder sind unterwegs um dieser Pflanze die Blütenstengel auszureisen, die wir als Safran kennen.

Am Ufer des Sees treffen wir auf eine Gruppe älterer Herren, die mit einem Bus unterwegs sind, der schon bessere Tage gesehen hat. Sofort werden wir zum Tee eingeladen. Die Herrschaften kommen zurück von einem Kuraufenthalt an den heißen Quellen des Hochlandes. Als wir wieder aufbrechen, hat sich der See in eine merkwürdige Lichtstimmung gehüllt. Das Wetter ist umgeschlagen. Uns ficht das nicht an, denn mit der Fähre ist es nur ein Katzensprung auf die andere Seite.

Am Fähranleger herrscht reger Betrieb. Es kommt Sturm auf. Wer kann, drängt sich in die schützenden Bretterbuden an der Mole. Nach zwei Stunden die erschreckende Erkenntnis, das der Fährverkehr eingestellt ist. Was nun ? Im Auto übernachten ? Zurück nach Tabriz ? Die Hotelsuche per Handy bleibt erfolglos !

Als ich mit unseren iranischen Begleitern über der Landkarte brüte, klopft mir ein Herr mit gigantischem Schnurrbart auf die Schulter. Where are you from ?  Germany ! Want to go Orumiye ? Yes ! I’am Colonel of the Iranian Army. I have to go Orumiye too. You like follow me ? Yes !

Da ist sie wieder, die überwältigende Gastfreundschaft. Als Lotse in seinem uralten gelben Buick bringt uns der Oberst in einem sechsstündigen Höllenritt durch militärisches Sperrgebiet nach Orumiye. Bei uns wäre so etwas undenkbar.

… durch’s wilde Kurdistan

schrieb Karl May, und war nie dort. Die Kurden, ein Volk ohne Land, leben heute auf den Staatsgebieten der Türkei, Syriens, des Irak und des Iran. Eine Lösung der Kurdenfrage ist nicht in Sicht. Während die Kurden in der Türkei sich in ständigem Aufbegehren gegen Ankara befinden, im Irak vor und nach Saddam Hussein eine unterdrückte Minderheit bleiben, sind sie im Iran fast assimiliert.

Im späten Oktober wird die Szenerie dominiert von Gelb- und Brauntönen. Die Silhouetten der Dörfer verschmelzen mit der rauhen kargen Gebirgslandschaft. Die kuppelförmigen Heuhaufen für das Winterfutter, die auf den Flachdächern der Häuser lagern, leuchten schon von weitem wie lodernde Fackeln.

Es fällt mir ein Wort des indischen Philosophen Rabindranath Tagore ein: „Leuchtende Tage, nicht weinen dass sie vergangen, lächeln, dass sie gewesen !“ Die Tage unserer Reise verfliegen viel zu schnell, aber es sind leuchtende Tage, an die ich mich immer erinnern werde.

…laute, dröhnende Musik erschallt. Mitten in einem Dorf an der Durchgangsstraße wird auf dem Dorfplatz Hochzeit gefeiert. Wir sind mittendrin, und nicht nur dabei. Menschen im Sonntagsstaat feiern ausgelassen die Vermählung eines jungen Paares. Ich frage meinen Freund Abbas, warum die Braut, so ernst, ja fast grimmig dreinschaut. Und warum ist das weiße Brautkleid mit Khomenis (so nennt man hier die 10.000 Rial-Scheine) behängt ? Sofort werde ich korrigiert. Die Braut schaut nicht ernst, sondern züchtig; ….na und das Geld   ….gibt es das bei Euch nicht ? Es verheißt dem Brautpaar Glück und Reichtum !

…und noch einmal Isfahan

eine Stadt, die für mich zu den schönsten der Welt gehört, und wohin ich immer gerne zurückkehre. Diesmal haben wir uns im Abbassi-Hotel eingemietet, einer alten Karawanserei, die noch zu Zeiten des Schah zu einer Nobelherberge umgebaut wurde und in welchem er mit seinen zahlreichen Mätressen geweilt haben soll. Kehrt man als Reisender an einen liebgewonnen Ort zurück, so hat man viel mehr Muse, – nicht nur Punkte auf einem Besichtigungsprogramm abzuhaken -, sondern tiefer in ihn einzutauchen. Ich habe mir Noah Gordons „Medicus“ genommen und mich nachmittags auf die Dachterrasse eines Teehauses am Eingang zum großen Basar gesetzt.

Avicenna, Arzt aller Ärzte, Philosoph, Genie, Universalgelehrter ! Hier hat er gewirkt. In dieser grandiosen Kulisse spielt der Roman. Anfang November führt der Zayande-Rud Wasser. Über den Fluss spannen sich zahlreiche extravagante Brücken, von denen mich die Pol-e Khaju mit Ihren nächtlich beleuchteten Bogengängen am meisten fasziniert. Hier sitze ich und lasse die Zeit im Iran und die Erlebnisse in Gedanken vorüberziehen. Was bleibt ist die Erinnerung an jene leuchtenden Tage, die Tagore meinte… lächeln, dass sie gewesen !